10 Jahre Gynäkologisches Krebszentrum

07.05.19

10 Jahre Gynäkologisches Krebszentrum

Gegründet 2009, widmet sich das Gynäkologische Krebszentrum am Klinikum rechts der Isar seit zehn Jahren der Diagnose und Therapie von Eierstockkrebs und anderen gynäkologischen Krebsarten. Es war das erste Gynäkologische Krebszentrum in München, dessen Qualität von der Deutschen Krebsgesellschaft und der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologischer Onkologen zertifiziert wurde. Eierstockkrebs ist die zweithäufigste bösartige Erkrankung der weiblichen Geschlechtsorgane. Häufig wird sie erst in fortgeschrittenem Stadium entdeckt, da lange keine Symptome auftreten. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 70 Jahren, mit zunehmendem Alter steigt die Erkrankungsrate kontinuierlich an. Ein Interview mit der Direktorin der Frauenklinik, Prof. Marion Kiechle, über die Chancen einer interdisziplinären Versorgung und neue Therapieansätze.

Prof. Marion Kiechle, Direktorin der Frauenklinik

Prof. Marion Kiechle, Direktorin der Frauenklinik am Klinikum rechts der Isar

Operative Therapie von Eierstock- und Gebärmutterhalskrebs

Frau Prof. Kiechle, was sind die Vorteile eines interdisziplinären Zentrums im Vergleich mit einer normalen Klinik?

Frauen mit gynäkologischen Krebserkrankungen, die in einem zertifizierten, interdisziplinären Zentrum behandelt werden, profitieren von einer deutlich besseren Versorgung. Dadurch sind ihre Heilungschancen größer. Unser Anspruch ist es, unseren Patientinnen die bestmögliche diagnostische und therapeutische Versorgung zu bieten. Neun Institute und Kliniken des Klinikums rechts der Isar sind an unserem Zentrum beteiligt, darunter Radiologen, Nuklearmediziner, Strahlentherapeuten, Hämato-Onkologen, Urologen, Palliativmediziner und Chirurgen, dazu onkologische Fach-Pflegekräfte mit verschiedenen Zusatzqualifikationen, Psychoonkologen, Ärzte mit naturheilkundlicher Weiterbildung sowie Sport- und Ernährungsmediziner. Auf deren Know-how können wir bei Bedarf und zum Wohl unserer Patientinnen zurückgreifen.

Warum war es wichtig, nach dem interdisziplinären Brustzentrum ein weiteres onkologisches Schwerpunktzentrum am Klinikum aufzubauen?

Die Krebserkrankungen an den Genitalorganen der Frau sind erheblich seltener als der Brustkrebs, aber sehr vielgestaltig. Dazu gehören Krebserkrankungen der Eierstöcke und Eileiter, der Gebärmutter und des Gebärmutterhalses sowie bösartige Veränderungen von Schamlippen und Scheide, aber auch die Trophoblasttumoren, also Schwangerschafts-assoziierte Tumoren, die zum Beispiel von der Plazenta ausgehen. Die Therapie der verschiedenen Krebserkrankungen richtet sich nach dem Entstehungsort des Tumors, nach dem Tumorstadium und individuellen Risikofaktoren. Seit der Zertifizierung haben wir mehr als 2.200 Patientinnen behandelt. Unser Fokus liegt in der operativen Therapie des Eierstock- und Gebärmutterhalskrebses und auch in der Behandlung erblicher Krebserkrankungen der Frau.

Interdisziplinäre Tumorkonferenz für einen optimalen Therapieplan

Wie bringen Sie die verschiedenen Fachbereiche zusammen?

Zentrales Element des Gynäkologischen Krebszentrums ist die interdisziplinäre Tumorkonferenz. Hier bringen die Experten aus den verschiedenen Disziplinen ihr Fachwissen ein und formulieren eine gemeinsame Therapieempfehlung. Aber auch in der Praxis arbeiten wir eng zusammen: Beim Eierstockkrebs etwa - in der Fachsprache auch Ovarialkarzinom genannt - zeigen sich die Symptome leider meist sehr spät. Die Erkrankung ist häufig bereits fortgeschritten, wenn die Frauen zu uns in die Klinik kommen. Wenn der Krebs sich dann schon im Bauchraum ausgedehnt hat, können neben den Genitalorganen auch z. B. Darm und Milz befallen sein. Große interdisziplinäre Zentren haben dann die Möglichkeit, auf die operative Expertise anderer Fächer – etwa der Chirurgie oder bei einem Gefäßbefall auch der Gefäßchirurgie – zurückzugreifen. Die Tumoroperation erfolgt dann in einem interdisziplinären Team. Das ist für die Heilungschancen beim Eierstockkrebs entscheidend. Diese sind umso besser, je mehr Tumor entfernt werden kann, und optimal, wenn es gelingt, alle Tumoren aus dem Bauch zu entfernen. Diese ausgedehnten, interdisziplinären operativen Spezialoperationen und auch die entsprechende intensivmedizinische Betreuung, die solche Eingriffe nach sich ziehen können, sind in kleineren Krankenhäusern schlechter möglich.

Arzt-Patienten-Gespräch am Gynäkologischen Krebszentrum

Im Gespräch mit einer Patientin unseres Gynäkologischen Krebszentrums

Fotos: M. Stobrawe

Signifikant höhere Heilungschancen dank präziser Tumorentfernung

Können Sie messen, welchen Nutzen die bessere die Versorgungsqualität hat?

Ja, das können wir, sehr gut sogar. Die 5-Jahres-Überlebensraten unserer Patientinnen haben sich verbessert und liegen deutlich über dem Bundesdurchschnitt und auch dem europäischen Durchschnitt. Beispielsweise liegt das tumorspezifische 5-Jahres-Überleben unserer Eierstockkrebs-Patientinnen bei 49,5 Prozent, im Bundesdurchschnitt sind es nur 41 Prozent. Europaweit liegen die 5-Jahres-Überlebensraten sogar noch niedriger, bei 38 Prozent. Dies bedeutet, die Heilungschancen unsere Patientinnen liegen 8,5 Prozent über dem Bundesdurchschnitt und 11,5 Prozent über dem europaweiten Durchschnitt. Das ist großartig und letztendlich der Zentrumsgründung zu verdanken.

Was hat sich in den vergangenen zehn Jahren bei der Krebsbehandlung verändert?

Eine große Verbesserung ist die radikalere Chirurgie mit Hilfe neuer Technologien. Jeder Millimeter Tumor, der entfernt wird, kann das Leben der Frau verlängern – auch in einem sehr fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung. Natürlich gibt es auch neue Medikamente, die das Überleben verbessern. Die Antikörper gegen die Gefäßneubildung in Tumoren etwa, sogenannte VEGF-Rezeptoren-Blocker, haben einen nachweislichen Fortschritt gebracht. Und auch die PARP-Inhibitoren haben sich beim Eierstockkrebs als sehr wirksam erwiesen. Unser Zentrum beteiligt sich auch in überdurchschnittlichem Maße an internationalen klinischen Studien und führt diese teilweise auch federführend durch. Hierdurch bekommen unsere Patientinnen die Möglichkeit, am medizinischen Fortschritt teilzuhaben, indem sie z. B. innovative Medikamente erhalten.

Tumorgenetik: Zukunft der Krebstherapie

Wie wird sich das Gynäkologische Zentrum in den nächsten Jahren weiterentwickeln?

Der Blick auf die Tumorgenetik wird immer wichtiger, denn am genetischen Profil eines Tumors lässt sich viel ablesen. Etwa die Prognose einer Patientin und vor allem, von welchen Medikamenten sie wahrscheinlich profitieren wird. Diesen Weg bauen wir weiter aus. Zurzeit wird unser Genetiklabor zertifiziert. Darüber hinaus haben wir speziell für die gynäkologischen Tumoren ein molekulares Tumorboard eingerichtet. Viele Patientinnen erhalten dort schon eine komplette Sequenzanalyse ihres Tumorgenoms. Denn wenn man weiß, welche Gene verändert sind, kann man darauf eine gezielte und wirksamere  Behandlung aufbauen.
Unser übergreifendes Ziel ist es, ein klinisches Tumorgenetikum aufzubauen. Das organisiere ich gemeinsam mit vielen anderen Kollegen, und das ist unser wichtigster Zukunftsweg.

Beteiligte Fachbereiche und Kliniken: 

Interdisziplinäres

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