Patiententag Demenz: Frühzeitige Diagnose und neue Therapien

12.09.19

Patiententag Demenz: Frühzeitige Diagnose und neue Therapien

Im Interview erklärt Dr. Timo Grimmer, einer der beiden Leiter des Zentrums für Kognitive Störungen am Klinikum rechts der Isar, warum eine frühzeitige Diagnose immer sinnvoller wird und warum er als 45-Jähriger zuversichtlich ist, im Alter nicht mehr an Demenz zu erkranken. Seit 1985 beschäftigt sich das Zentrum für Kognitive Störungen des Klinikums mit der Diagnostik und Behandlung von Hirnleistungsstörungen. Heute betreut das Team um Prof. Janine Diehl-Schmid und PD Dr. Timo Grimmer, beide Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, jährlich über 800 neue Patienten. An der ersten Bayerischen Demenzwoche des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege beteiligt sich das Klinikum rechts der Isar mit einem "Patiententag Demenz: Sie fragen, wir antworten" am 20. September von 13 bis 16 Uhr.

Herr Dr. Grimmer, Demenz zählt nach Krebs zu den am meisten gefürchteten Krankheiten. Wie hoch ist das Risiko einer Erkrankung?

In Deutschland leiden etwa 1,5 Millionen Menschen an einem demenziellen Syndrom. Demenz ist längst eine Volkskrankheit. Das Alter ist der größte Risikofaktor. Die Zahl der Erkrankten steigt, weil die Menschen immer älter werden.

Merken Sie in Ihren Sprechstunden, dass die Menschen das Thema stark beschäftigt?

Immer mehr Leute kommen immer früher zu uns, sehr häufig aus eigenem Antrieb. Die Sorge, dement zu sein, ist enorm hoch. Das Erfreuliche ist, dass ein Drittel der von uns Untersuchten gesund ist. Das zweite Drittel zeigt eine auffällige Hirnleistung, ist aber noch nicht dement. Und die Ursache ihrer Symptomatik muss nicht zwingend die Alzheimer-Krankheit sein, es kann z. B. auch eine Schilddrüsenfunktionsstörung oder ein Vitaminmangel vorliegen. Das letzte Drittel leidet an einem demenziellen Syndrom mit unterschiedlichem Schweregrad.

Dr. Timo Grimmer vom Zentrum für kognitive Störungen am Klinikum rechts der Isar

Dr. Timo Grimmer vom Zentrum für kognitive Störungen am Klinikum rechts der Isar

Patiententag Demenz: Sie fragen, wir antworten

Wir unterstützen die erste Bayerische Demenzwoche des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege sehr gern mit einem Patiententag Demenz. Ärztinnen und Ärzte des Zentrums für Kognitive Störungen am Klinikum rechts der Isar beantworten Ihre Fragen zu kognitiven Beeinträchtigungen, Demenzerkrankungen, aktuellen Forschungsthemen, Palliativmedizin und all das was Ihnen in diesem Zusammenhang am Herzen liegt. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!
Wann: 20. September, 13 bis 16 Uhr
Wo: Klinikum rechts der Isar, Hörsaal Pavillon, Eingang Einsteinstraße

 

Hier finden Sie den Veranstaltungsflyer zum Download.
Für weitere Infos: https://www.zks.psykl.mri.tum.de/aktuelles/aktuelle-meldung/news/demenz-sie-fragen-wir-antworten/

Wie diagnostizieren Sie, ob eine Demenz vorliegt?

Wir nehmen uns Zeit und führen ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten und seinem begleitenden Angehörigen. Darauf folgt eine Testung der Hirnleistung, quasi ein Gedächtnistest. Finden wir dabei Auffälligkeiten, suchen wird die Ursache – immer vorausgesetzt, der Patient wünscht dies, manchen reicht schon die Diagnose. Ob etwa eine Schilddrüsenfehlfunktion vorliegt, sagt uns ein Bluttest. Durchblutungsstörungen im Gehirn, die eine sogenannte vaskuläre Demenz auslösen, zeigt uns eine Kernspin-Aufnahme, die bei Prof. Claus Zimmer in der Neuroradiologie durchgeführt wird. Und ob es an einer neurodegenerativen Ursache wie bspw. der Alzheimer-Krankheit liegt, können wir an den Konzentrationen bestimmter Peptide in der Rückenmarksflüssigkeit im Labor unserer Klinik messen oder mit bestimmten Kontrastmitteln in PET-Bildern bei Prof. Wolfgang Weber in der Nuklearmedizin. In der Diagnostik ist die Wissenschaft schon recht weit.

Demenz ist noch nicht heilbar. Was können Sie trotzdem für Ihre Patienten tun?

Bei der Alzheimer-Krankheit mildern wir mit Medikamenten zumindest die Symptome. Diese Antidementiva sind sehr gut verträglich. Sie ändern zwar nichts am Krankheitsverlauf, verschaffen aber Erleichterung, weil sie die Hirnleistung wie bswp. das Gedächtnis verbessern. Doch auch kognitive Rehabilitation kann viel bewirken. In unserer Tagklinik bieten wir ein vielseitiges Therapieprogramm an: Ob Gedächtnisübungen, Ergotherapie, Physiotherapie, Ernährungshinweise oder der Umgang mit Merkhilfen und Erinnerungssystemen – wir schießen aus allen Rohren. Und das hilft! Unsere Patienten fühlen sich nachweislich besser, weil sie im Alltag wieder besser zurechtkommen.

Wie steht es mit neuen Therapieformen?

Wir kennen Mechanismen, mit denen wir in den Krankheitsverlauf eingreifen können. Wir wissen, wie wir die typischen Eiweißablagerungen, die das Absterben von Nervenzellen im Gehirn und damit die Demenz verursachen, bremsen können. Darauf basierend wird an Therapien geforscht. Ihre Zulassung ist nur eine Frage der Zeit. Insofern wird auch die frühzeitige Diagnose immer wichtiger. Seit etwa einem Jahr gelingt es in Studien, die Alzheimer-Krankheit anhand bestimmter Biomarker, also charakteristischer biologischer Merkmale, im Blut nachzuweisen. Geforscht wird daher weltweit an entsprechenden Bluttests, und ich denke, in zwei Jahren werden die ersten auf dem Markt sein. Diese könnten dann als Screening-Maßnahme, so wie wir das etwa vom Mammographie-Screening kennen, in der Breite eingesetzt werden.

Können Erkrankte bei Ihnen schon von den in Entwicklung befindlichen Therapien profitieren?

Selbstverständlich. Wir sind an sehr vielen klinischen Studien zu neuen Antidementiva wie auch zu Medikamenten, die den Krankheitsprozess zu unterbrechen oder zu verlangsamen suchen, beteiligt. Unsere Patienten profitieren von allem, was in diesem Feld zu haben ist – sofern es sinnvoll und das Risiko vertretbar ist. Niemand darf Schaden nehmen. Was tatsächlich auch noch nie vorgekommen ist.

Gibt es weitere Vorhaben, mit denen Sie Ihr Thema vorantreiben?

Das Klinikum rechts der Isar plant, mit unserer Unterstützung eine Spezialstation für Patienten mit Verwirrtheit und Demenz zu gründen, um Menschen, die mit solchen Erkrankungen aufgenommen werden oder solche Syndrome entwickeln, noch besser zu versorgen. Außerdem unterstützen wir unsere Pflegedienstleitung Esther Pausch, die ein Demenzscreening auf den Stationen einrichtet, um Betroffene früh zu erkennen und bestmöglich zu versorgen.

Viel Bewegung, geistig fit bleiben – was halten Sie von solchen Ratschlägen, einer Demenz vorzubeugen?

Bewegung ist gut für den Menschen und hilft bei sämtlichen Erkrankungen. Auch geistige Regsamkeit wirkt vorbeugend, möglicherweise über eine Stärkung der Kompensationsfähigkeit des Gehirns.

Haben Sie eigentlich Angst davor, selbst einmal dement zu werden?

Es dauert ja noch gut 20 Jahre, bis ich mal in Rente gehe. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass die Therapien dann so wirksam sind, dass Demenz nicht mehr mein Problem ist.

 

Beteiligte Fachbereiche und Kliniken: 

Klinik und Poliklinik für

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