Steigender Pregabalin-Missbrauch in München

28.09.17

Steigender Pregabalin-Missbrauch in München

Im Raum München hat der Missbrauch von Pregabalin in den letzten Jahren stark zugenommen. Der Wirkstoff ist in Schmerz- und Epilepsiemedikamenten wie beispielsweise im Präparat Lyrica® enthalten. Am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München (TUM) werden immer mehr Drogenkonsumenten wegen Überdosierungen oder zum Entzug des Medikaments behandelt. Auch beim Giftnotruf des Klinikums sind die Anfragen gestiegen, wie eine aktuell publizierte Studie in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" zeigt.

Der Wirkstoff Pregabalin ist zur Vorbeugung epileptischer Anfälle sowie zur Behandlung neuropathischer Schmerzen zugelassen. Pregabalin wirkt dabei im Gehirn analog dem Botenstoff ("GABA"), ähnlich wie Benzodiazepine, hochwirksame Beruhigungsmittel mit einem hohen Suchtpotenzial. Im Gegensatz zu dieser Wirkstoffgruppe stuften Pharmakologen das Abhängigkeitsgefahr von Pregabalin zunächst als gering ein. Suchtpatienten entdeckten aber bald, dass die Einnahme größerer Mengen einen "Kick" erzeugt - vor allem dann, wenn es zusammen mit Alkohol oder Methadon eingenommen wird.

Mediziner Nicolas Zellner von der Abteilung für klinische Toxikologie hat gemeinsam mit Kollegen die Missbrauchsfälle zwischen 2008 und 2015 untersucht. Eine klinikinterne Datenbankabfrage und die dokumentierten Fälle des Giftnotrufs zeigen einen deutlichen Anstieg des Pregabalin-Missbrauchs: Insgesamt mussten im Untersuchungszeitraum 263 Patienten behandelt werden. Dabei stieg die Anzahl der Fälle pro Jahr. Zwischen 2008 und 2011 waren es null bis fünf Fälle. Für 2015 waren 105 Missbrauchsfälle dokumentiert. Neben Patienten mit Überdosierungen sind darunter auch Menschen, die zum Drogenentzug aufgenommen wurden, berichtet Nicolas Zellner und stellt fest: "Pregabalin ist nach Opiaten, Benzodiazepinen, Cannabis und Alkohol zur fünfthäufigsten missbrauchten Substanz aufgestiegen." Diese Entwicklung spiegelt sich auch beim Giftnotruf wider: Gingen 2008 nur drei Anrufe bezüglich Pregabalin ein, waren es 2015 schon 71. Alarmierend sei auch die steigende Zahl von Selbstmordversuchen mit Pregabalin - allein 90 im Jahr 2015, so Zellner.

In den meisten Fällen konsumieren Betroffene das Arzneimittel in Kombination mit anderen Drogen. Bei zwei Dritteln der Patienten, die am Klinikum rechts der Isar behandelt werden, finden die Toxikologen vier oder mehr Substanzen im Blut. "Patienten, bei denen bereits eine Suchterkrankung besteht, greifen häufig auch zu Pregabalin", so die Autoren. Die Symptome des Missbrauchs können Atemnot, Unruhe, Aggressionen, Halluzinationen und epileptische Anfälle sein. Bei der Mehrheit der Patienten war auch das Bewusstsein eingeschränkt, berichtet Zellner. Pregabalin-Vergiftungen verlaufen üblicherweise mittelschwer bis schwer. Wenn der Nachschub fehlt, kommt es zu Entzugssymptomen wie Unruhe, Zittern, Übelkeit, Durchfall, Schlafstörungen und Kopfschmerzen.

München ist nicht die einzige Stadt und Deutschland nicht das einzige Land mit einem Pregabalin-Problem. Auch in Schweden ist der Missbrauch gestiegen. Zellner ist aber überzeugt, dass es regionale Unterschiede gibt. München, so sein Eindruck, verzeichnet derzeit besonders hohe Fallzahlen.

 

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