Zeigt her eure Füße! Interview mit Orthopäde Dr. Kay Eichelberg

15.10.19

Zeigt her eure Füße! Interview mit Orthopäde Dr. Kay Eichelberg

Im Herbst werden sie wieder warm eingepackt – denn wer friert schon gern an den Füßen. Doch die weitere Verpackung ist oft mangelhaft. Dr. Kay Eichelberg, Oberarzt der Orthopädie am Klinikum rechts der Isar, ist auf Fußchirurgie spezialisiert. Er kennt sich aus mit schmerzenden Füßen und gutem Schuhwerk.

Dr. Kay Eichelberg

Dr. Kay Eichelberg

Herr Dr. Eichelberg, kommen überwiegend Frauen mit einem Hallux in Ihre Sprechstunde, weil sie sich die Füße auf High Heels kaputt gelaufen haben?

Das ist tatsächlich ein Klischee. Der Hallux valgus, also die Verkrümmung des Großzehengrundgelenks, ist meist genetisch veranlagt. Ursache ist eine Hyperelastizität des Gewebes und der Sehnen. Das kann schon im Teenageralter zu einer starken Ausprägung führen. Trägerinnen von hohen Schuhen leiden eher an einer Verkürzung der Achillessehne. Daraus entstehen eher sogenannte Hammerzehen oder Veränderungen des Endglieds des kleinen Zehs.

Sind Frauen trotzdem Ihre häufigsten Patienten?

Frauen leiden öfter an Vorderfußdeformitäten wie Hallux oder Hammerzehen. Doch insgesamt sind Männer und Frauen von Fußproblemen gleichermaßen betroffen, in jedem Alter.

Fehlstellungen der Füße sehen eher unschön aus. Sind Frauen da sehr empfindlich?

Nach meiner Erfahrung akzeptieren Frauen sehr viel. Für den Großteil unserer Patienten spielt das Kosmetische keine Rolle. Ich würde behaupten, nur für eine von 20 Frauen ist der kosmetische Faktor relevant. Das hätte ich früher nie gedacht. In den südeuropäischen Ländern ist das anders. Den Italienerinnen zum Beispiel ist das Aussehen ihrer Füße viel wichtiger. Dort werden schon 20-Jährige operiert. Bei uns passiert das erst viel später, wenn die klinische Symptomatik beginnt.

Welche Fehlstellungen sehen Sie am häufigsten?

Schwer zu sagen, denn wir behandeln alle erworbenen oder angeborenen Veränderungen des Vorder-, Mittel- und Rückfußes. Hallux, Plattfuß, Fersensporn – die gesamte Bandbreite. Ebenso die sehr seltenen Tumoren an den Fußknochen. Als Universitätsklinikum haben wir es häufig mit sehr komplexen Fällen zu tun, bei denen die Erstversorgung vielleicht nicht optimal war.

Lässt sich jede Fehlstellung korrigieren?

Wir bekommen den Hallux wieder gerade, wir können einen Plattfuß aufrichten und einen Fersensporn abtragen. Therapeutisch ist vieles möglich, und wir bieten nahezu das gesamte konservative und chirurgische Spektrum an. Bei Operationen arbeiten wir möglichst gelenkerhaltend. Denn das Problem an den kleinen Gelenken des Fußes ist ja, dass bei Operationen Knochenstock verloren geht, was bedeutet, dass die Zehen kürzer werden. Mit Knochen aus dem Becken, kann man das zwar ausgleichen, aber das ist dann ein zusätzlicher Eingriff.

Welche Möglichkeiten gibt es, gelenkerhaltend zu operieren?

Zu den neueren Methoden zählt, dass wir Patienten mit einer fortgeschrittenen Arthrose im Vorderfuß beispielsweise anstelle einer Teilprothese oder Gelenkversteifung eine Art künstlichen Knorpel in den Gelenkkopf einbringen. So geht nichts vom Knochen verloren und das Gelenk behält seine Beweglichkeit. Für das Sprungbein gibt es seit etwa drei Jahren eine Oberflächenprothese. Die wird wie eine Kappe auf das Gelenk gelegt – ohne Fräsungen am Knochen.  Zehn solcher Implantate haben wir bereits eingesetzt. Der jüngste Patient war 21 Jahre, der älteste 50.  Bislang gibt es keine Reklamationen! Das freut uns natürlich.

Dennoch fürchten sich viele vor einer Operation …

Tatsächlich höre ich von Patienten immer wieder: „Ich habe Angst vor einer Operation. In meinem Bekanntenkreis gibt es viele, bei denen es nicht gut geworden ist.“ Das ist schade. Die Qualität der Fußchirurgie hat sich stark verbessert. Außerdem therapieren wir immer zuerst konservativ mit Einlagen, Schienen etc. Erst wenn das nicht mehr fruchtet, wird operiert.

Wie lange dauert der Heilungsprozess?

Als Faustregel gilt: für jedes Lebensjahrzehnt ein Monat, mindestens aber sechs Wochen. Das ist verhältnismäßig lange. Aber die Füße sind eher schlecht durchblutet, außerdem schwellen sie stark an. Ruhig halten und hochlegen hilft da am besten. Das lege ich meinen Patienten sehr nachdrücklich ans Herz. Die ersten vier Wochen trägt man einen Verbandsschuh und geht an Krücken, um den betroffenen Fuß zu schonen. Danach ist Belastung wichtig; die knöchernen Brücken, die sich am operierten Gelenk gebildet haben, brauchen jetzt Druck, um sich zu festigen.

Wie kann man seinen Füßen Gutes tun und vielleicht sogar Fehlstellungen vorbeugen?

Bewegung ist wichtig, die trainiert die Fußmuskulatur mit. Am besten hilft Barfußlaufen – im Sand, auf der Wiese, aber auch in der Wohnung.

Und wie steht es mit Schuhen? Sind bequeme Sneakers optimales Schuhwerk?

So pauschal lässt sich das nicht sagen. Ich persönlich empfehle gut weichbettende Schuhe, am besten aus Leder. Das gibt Halt. Ein Schuh ohne Fußbett und mit wabbeliger Sohle schadet eher. Aber natürlich kann man auch High Heels tragen. Dann sollte man zum Ausgleich aber Fuß- und Wadenmuskulatur und die Achillessehne trainieren.

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Hinweis: Die Orthopädie des Klinikums rechts der Isar führt dienstags zwischen 8:30 und 15 Uhr regelmäßige Fuß-Sprechstunden durch. Einen Termin können Sie telefonisch unter: 089/ 4140- 2276 oder per E-Mail: ortho-ambulanzatmri.tum.de vereinbaren.

 

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